Buß- und Bettag

Beten – das ist ja irgendwie noch was Alltägliches, mit dem Begriff können wir etwas verbinden. Aber Buße? Das klingt in manchen Ohren immer noch nach Strafe, nach Angst, nach vielen Gewissensfragen, die man abhaken muss.

Was Buße eigentlich meint, habe ich in meiner ersten Einsatzstelle, in der Gemeinde in Erkrath-Hochdahl, ganz neu entdecken und erfahren dürfen.

Mit viel Liebe und sehr intensiv wurden die Kinder auf die Buße vorbereitet – und zwar unter der Überschrift „Vertrauen lernen find ich gut“.

Für mich war dieser Satz ein Türöffner, der mir neu gezeigt hat, um was es eigentlich geht.

Es geht um Vertrauen

und es geht um fehlendes Vertrauen.

Ich darf Gott begegnen in Vertrauen und Freundschaft.

Er ist nicht der große Beobachter, der alles sieht und weiß und nur darauf wartet, mich für mein Fehlverhalten zu strafen.

Er ist der, der darauf wartet, dass ich ihn entdecken in meinem Leben,

dass ich beginne zu spüren – und das immer wieder – wie gut es tut, sich von ihm gewollt und angenommen zu wissen.

Wo ich das nicht mehr spüre – wo es nicht die unendliche Liebe Gottes ist, die mir den Rücken stärkt, die mir Mut macht und die mir Würde schenkt – da muss ich das selber machen.

Da meine ich, ich müsste mich mit meinem eigenen Handeln, mit meinen eigenen Ideen, meiner Leistung beweisen, mir meinen Platz sichern.

Da beginne ich zu kämpfen, oft mit unfairen Mitteln – um Anerkennung, um Zuneigung.

Wo mein Vertrauen in Gott zu klein ist, da versuche ich, alles allein zu machen – und tappe dabei von einer Falle in die nächste.

Durch diese Brille des Vertrauens können wir all unsere Beziehungen betrachten und abklopfen.

Und heute will ich das am Text des Evangeliums tun, den wir gerade gehört haben.

Die Geschichte beginnt für die Jünger mitten im Alltag.

Mit dem Boot fahren – das ist nichts Besonderes für die Freunde von Jesus. Einige von ihnen waren Fischer, viele sind am See groß geworden.

Und das, was dann passiert, gehört zum Berufsrisiko eines Fischers dazu. Unwetter – die Unwägbarkeit der Natur, die Gewalt vom Sturm und vom Meer, das ist bis heute ein nicht endgültig zu lösendes „Problem“. Manches kann man eben nicht beherrschen, nicht alles kann der Mensch kontrollieren.

In diesem Punkt hat die alte Geschichte eine hohe Aktualität für heute, sie holt auch mich mitten im Alltag ein.

So sehr ich auch plane, absichere, versichere – das Leben ist nicht bis ins Letzte kontrollierbar. Im Letzten habe ich nicht in der Hand, was geschieht.

Immer wieder kann mich etwas überraschen – positiv, aber auch negativ.

Immer wieder wächst mir eine Situation über den Kopf, die ich doch vorher so genau eingeschätzt hatte.

Immer wieder wirft mich etwas um, das ich so gar nicht erwartet hatte, obwohl ich mir doch so viele Gedanken gemacht habe…

Manchmal sind es sogar meine eigenen ganzen Planungen, Gedanken, Absicherungen, die sich in mir hochschaukeln und mich schließlich einwickeln und zum Straucheln bringen.

Manchmal ist es aber auch einfach ein anderer, der nicht so tickt, wie ich es brauchen kann…

Und dann ist es nicht mehr weit bis zu diesem Gefühl, durchgeschüttelt zu werden.

Die Wellen und Wogen in meinem Leben kommen auch manchmal aus buchstäblich heiterem Himmel. Und manchmal ist genau das sogar beängstigender, als wenn man schon bei schlechtem Wetter ins Boot steigt…

Ihnen fallen sicher Ihre ganz eigenen Wellen, Wogen und Stürme ein, wenn Sie sich in diese Situation hineinversetzen. Wir sitzen nun in Gedanken sozusagen mit in diesem durchgeschüttelten Boot, wir gehören dazu zu den Gestalten, die da noch verzweifelt rudern, die versuchen, mit Eimern das Wasser aus dem Boot zu schöpfen, Und wir gehören auch zu dem, der sich in seiner Angst an den wendet, der hinten im Boot schläft.

Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?

Das fragt Jesus, nachdem er auf buchstäblich wundervolle Art die Situation unter Kontrolle gebracht hat.

Ganz ehrlich: solche Sätze sind es, die es mir manchmal schwer machen, Jesus nett zu finden.

In meinem Kopf ist diese Stimme – nachdem er machtvoll dem Sturm zu schweigen gebot – eine herrische, ärgerliche, ja, vorwurfsvolle Stimme. Und die passt nicht zu dem Jesus, den ich mir wünsche. Denn dann frage ich mich: versteht dieser Jesus wirklich so wenig von seinen Menschen, dass er nicht nachvollziehen kann, was Angst, ja, was Todesangst bedeutet? War dieser Jesus wirklich so, dass man als sein unmittelbares Gegenüber einfach glauben musste, dass er diese Macht hat?

Manchmal ist es gut, den Kontext eines kurzen Textes mit zu betrachten. Die Geschichte, das Drama vom Sturm auf dem See steht im viertel Kapitel des Markusevangeliums. Sie folgt unmittelbar auf eine große Gleichnisrede, die Jesus am Ufer des Sees bzw. vom Boot aus vor vielen Menschen hielt. Hier hat er schon die Jünger beiseite genommen, ihnen mehr erklärt als der Menge. Vor dieser Rede waren sie mit ihm unterwegs und haben viele Heilungen miterlebt – die ersten drei Kapitel des Markusevangeliums reihen sozusagen ein Wunder ans nächste.

Und wenn ich dann nochmal die Seesturmepisode lese, höre ich plötzlich einen ganz anderen Tonfall in Jesu Stimme. Ich höre Müdigkeit, Erschöpfung, Enttäuschung und vor allem Traurigkeit.

Nach allem, was ihr erlebt habt, ihr kennt mich doch jetzt schon, ihr habt gehört, was ich sage, ihr habt gesehen, was ich tue – nach all dem: warum habt ihr Angst?

Und plötzlich ist Jesus nicht mehr nur der Übermenschliche, der den Sturm zum Schweigen bringt, sondern gleichzeitig der ganz und gar Menschliche, der verstanden sein will, der sich nach dem Vertrauen seiner Freunde sehnt, der wie ein Liebender immer wieder beteuert: Glaub mir doch, ich bin da für dich! Was soll ich denn noch tun, damit Du mir glaubst?

In dieser Hinsicht ist er machtlos. Alles hängt an mir. Kann ich ihm glauben?

Und da passiert immer wieder das Wunder.

Manchmal ist es da, das Vertrauen. Ganz leise. Unter und hinter allen Bemühungen, mein Glück selbst zu machen, ist da eine Ruhe, ein Aufatmen, eine Sicherheit. Ich bin nicht allein. In meiner Angst bin ich gesehen, gefunden, gehalten. Ich kann auch mal loslassen. Es darf auch mal schiefgehen. Es geht weiter. Anders vielleicht. Aber es geht. Dieses Leben ist mehr als meine Pläne. Da ist einer mit mir im Boot.

Einer, der für mich mutig ist, wenn ich Angst habe. Einer, der das Steuer übernimmt, wenn ich zu müde bin, den Kurs zu halten. Einer, der mich auch dann noch findet, wenn mein Boot untergeht. Einer, der mir Mut und Hoffnung macht. Das ist im Alltag eine kleine Begegnung, eine plötzliche Idee, ein tröstendes Wort. Und manchmal eben auch – ein Wunder.

Eine kleine Erinnerung an diesen Einen, der um unser Vertrauen wirbt, der uns verspricht, mit im Boot unseres Lebens zu bleiben durch alle Stürme hindurch, die dürfen Sie sich gleich beim Hinausgehen mitnehmen.

Vertrauen lernen find ich gut! Der Buß- und Bettag lädt uns jedes Jahr neu dazu ein.